LESEABENTEUER
Deutsch · Klasse 5

EINE HALLOWEEN-GESCHICHTE

Das Geheimnis der Kürbislaterne

Lies genau. Sammle Hinweise. Entschlüssle das Geheimnis.

Etwa 20 Minuten
In deinem Tempo, ohne Zeitdruck

Die Geschichte

Erst lesen, dann rätseln
Ein geschnitzter Halloween-Kürbis mit dreieckigen Augen und einem breiten Grinsen.
Ein Kürbisgrinsen kann im Dunkeln ganz anders aussehen.Foto: Toyah, Wikimedia Commons · gemeinfrei (Public Domain)

1 · Ein Licht im Fenster

Am Halloweenabend roch die Luft nach nassem Laub und Kaminrauch. Mira und ihr Freund Ben gingen als Hexe und Vampir verkleidet durch die Lindenstraße. In ihren Taschen raschelten Bonbonpapiere. Nur vor der alten Uhrmacherwerkstatt blieben sie stehen. Seit Herr Wendt im Frühjahr gestorben war, hatte dort niemand mehr gearbeitet. Doch heute leuchtete hinter der Scheibe eine Kürbislaterne. Ihr schiefer Mund hatte auf einer Seite nur einen einzigen Zahn. „Den hat Herr Wendt jedes Jahr genauso geschnitzt“, flüsterte Mira. Sie erinnerte sich daran, wie er ihr einmal eine kaputte Spieluhr repariert hatte.

2 · Die Nachricht

Ben entdeckte einen Umschlag unter dem Briefschlitz. Darauf stand in schmaler Schrift: „Für die, die heute noch zuhören können.“ Mira zog eine Karte heraus. „Bringt mein Licht vor acht zum Apfelbaum im Hof. Wenn es dreimal klopft, schaut hinter das, was die Zeit bewacht.“ Darunter war ein kleiner Schlüssel mit Klebeband befestigt. Ben sah auf seine Armbanduhr. Es war Viertel vor acht. „Bestimmt eine Halloween-Aktion“, sagte er. Trotzdem klang seine Stimme dünner als sonst. Aus der Werkstatt kam ein leises Ticken, obwohl durch die Scheibe keine einzige laufende Uhr zu erkennen war.

3 · Nicht allein

„Wir gehen da nicht einfach hinein“, entschied Mira. Im Nachbarhaus wohnte Frau Wendt, die Schwester des Uhrmachers. Die Kinder klingelten und zeigten ihr die Karte. Frau Wendt wurde still. Dann holte sie ihre Jacke. „Die Werkstatt gehört jetzt mir. Wir schauen gemeinsam nach.“ Mit ihrem eigenen Schlüssel öffnete sie die Ladentür. Der kleine Schlüssel von der Karte blieb bei Ben. Drinnen roch es nach Holz und Staub. Unter dem Kürbis fanden sie ein batteriebetriebenes Licht. Mira hob die Laterne vorsichtig hoch. Frau Wendt führte sie durch die Hintertür in den Hof.

4 · Unter dem Apfelbaum

Im Hof bewegte sich kein Blatt. Trotzdem schwankte der Schatten des Apfelbaums über die Mauer, als würde jemand an seinen Ästen ziehen. Mira stellte den Kürbis auf einen flachen Stein unter dem Baum. Ben blieb dicht neben ihr. Da hörten sie es: klopf. Eine Pause. Klopf. Noch eine Pause. Klopf. Ben packte Miras Ärmel. Das Geräusch kam nicht aus dem Baum. Es kam aus der Werkstatt hinter ihnen. Durch die offene Tür sahen sie die große Standuhr. Ihr Pendel stand still, doch im Inneren scharrte etwas. „Was die Zeit bewacht“, murmelte Mira. „Vielleicht ist damit diese Uhr gemeint.“

5 · Hinter der Uhr

Frau Wendt leuchtete mit ihrer Taschenlampe hinter die Standuhr. Zwei grüne Augen blickten zurück. Dann schoss ein schwarzer Kater hervor. Um seinen Hals hing ein kleines Messingglöckchen, das merkwürdigerweise keinen Laut von sich gab. „Oskar!“, rief Frau Wendt erleichtert. Der Kater streifte ihre Beine und verschwand durch die Hintertür. Ben atmete aus. „Dann war er das mit dem Klopfen.“ Mira nickte zunächst. Doch als sie hinter die Uhr schaute, entdeckte sie eine schmale Holzschachtel. In ihren Deckel war ein Apfel eingeritzt. Das Schloss war kaum größer als ihr Daumennagel.

6 · Ein letzter Streich

Ben holte den kleinen Schlüssel hervor. Er passte. In der Schachtel lagen drei eingewickelte Karamellbonbons und ein Brief. Frau Wendt las vor: „Liebe Schwester, falls du meine Halloween-Spur eines Tages findest: Erinnere dich an unsere Streiche unter dem Apfelbaum. Ein bisschen Mut schmeckt besser, wenn man ihn teilt. Dein Emil.“ Frau Wendt lächelte, obwohl ihre Augen feucht wurden. „Emil hat überall kleine Überraschungen versteckt. Das war seine Handschrift auf der Karte.“ Sie gab jedem Kind ein Bonbon. „Er wollte uns also keine Angst machen“, sagte Ben. „Er wollte, dass wir uns erinnern.“

7 · Eine Frage bleibt

Die drei gingen noch einmal zum Apfelbaum. Frau Wendt erzählte, wie ihr Bruder früher dort auf sie gewartet hatte, wenn sie sich nach einem Streit wieder vertragen wollten. Mira betrachtete den Kürbis. Sein Licht flackerte kurz und brannte dann ruhig weiter. „Haben Sie die Laterne ins Fenster gestellt?“, fragte sie. Frau Wendt schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war seit einer Woche nicht in der Werkstatt.“ Ben hielt mitten im Auswickeln seines Bonbons inne. Auch Mira sagte nichts mehr. Den Brief konnten sie erklären. Die frische Kürbislaterne nicht.

8 · Das dritte Klopfen

Auf dem Rückweg schloss Frau Wendt die Werkstatt sorgfältig ab. In diesem Moment schlug die Kirchturmuhr acht. Oskar saß draußen auf der niedrigen Hofmauer und putzte sich eine Pfote. Aus dem verschlossenen Laden kam ein leises Klopfen. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal hielt Mira den Atem an. Ben sah zuerst den Kater an, dann die dunkle Scheibe. „Das war wohl das Holz“, sagte er. Aber er klang nicht überzeugt. Hinter dem Glas blitzte für einen Augenblick ein kleines Licht auf. Mira legte ihr Bonbon in die Tasche. Sie würde es erst zu Hause essen – und Ben bis zu seiner Haustür begleiten.

ENDE … ODER?